Wie wirklich ist die Wirklichkeit?

(Neo-) Schamanismus hat Konjunktur. Und somit auch die literarischen Pioniere “der anderen Wirklichkeit”. Auch all die Jahre nach der psychedelischen Revolution des Bewusstseins der 70iger kommt Carlos Castañeda wieder ins Gespräch. Einen kleinen Eindruck über diesen mystifizierten Unbekannten und seinen sagenumwobenen Meister Don Juan verschafft dieser Artikel, den ich 2015 in der Rubrik “Tiefenrausch” des Mixology Magazins publiziert habe.

Siehe unten für den gesamten Text:

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WIE WIRKLICH IST DIE WIRKLICHKEIT?

Diese Frage hätte man Carlos Castañeda stellen können, dessen Bücher seit Ende der sechziger Jahre das Prinzip von Wirklichkeit auf den Kopf stellen. Jedes einzelne enthüllt sich als psychedelischer Reiseführer: Auf einer aus seinen Geschichten von bewusstseinserweiternden Abenteuern gebauten Brücke führt er den Leser über tiefe, philosophische Abgründe, hin zu einer Wirklichkeit, in der dem Zivilisationsverstand unbekannte Gesetzesmäßigkeiten walten.

Der Zauberlehrling

Von dieser Literaturlegende zu erzählen bedeutet immer, die Namen zweier Männer zu nennen: Castañedas, der 1925 in Peru geboren, als junger Mann in die USA emigrierte und sich als Anthropologie Student in die Wüste aufmachte, um über Heilkräuter zu forschen. Und Don Juan Matus, ein mexikanischer Yaqui-Indigener, den er gleich zu Beginn der Reise kennenlernt und der ihn zum Zauberer ausbildet.

Wie vor allem in den ersten der zwölf Werke seit der Zusammenkunft mit Don Juan deutlich wird, fällt es dem Adepten spürbar schwer sich von seinem westlichen Wirklichkeitsprinzip zu lösen und sich ganz der indigenen Kosmovision hinzugeben. Um den Lernprozess etwas zu katalysieren, setzt sein Meister halluzinogene Helfer ein. Und davon eine ganze Menge. Nach der Einnahme des psychotropen Peyote Kaktus begegnet Castañeda öfters Mescalito, dem Kaktus innewohnenden Wesen, das stets eine didaktische Botschaft für ihn hat. Doch nicht nur mit dem Meskalin Alkaloid freundet er sich an. Er macht Bekanntschaft mit dem hochgiftigen Nachtschattengewächs Datura, auch als Stechäpfel geläufig und muss mehrere Male widerwillig Pilze rauchen, die ihn fast um den Verstand bringen. Castañeda, so sein Lehrer, hätte eine so exorbitante Menge konsumieren müssen, da er ziemlich schwer von Begriff gewesen sei. In nüchterner Sprachgewandheit gibt er sämtliche, mal mit mal ohne den Einfluss von Rauschmitteln, erlebte Ekstasen wieder. Skeptisch über die Ereignisse berichtend scheitert er daran, sie mit der Logik des Verstandes zu greifen und gewinnt so die Sympathie vieler Leser. Man könnte meinen, die Lehren Don Juans zelebrieren einen substanzlosen, hedonistischen Rausch. Doch ganz im Gegenteil. Meister und Schüler nehmen die Sache ernst. Nur mit absoluter Willensstärke und gesammelter Kraft übersteht Castañeda die unberechenbaren Lehrmethoden und gefährlichen Momente des Rausches. Aus der Ambivalenz zwischen unersättlicher Neugierde am surrealen Wüsten-Wunderland und Furcht zwischen den Welten verloren zu gehen, entsteht eine Abhängigkeit die den Adepten immer wieder zu seinem eloquenten und tückischen Lehrer zurückkehren lässt. Ab der dritten Veröffentlichung sind die Reisen Castañedas drogenfrei. Der Psychedelik in seinen Beschreibungen tut dies jedoch keinen Abbruch. 

Ein Zeugnis zeitlosen Zeitgeists

Castañedas Veröffentlichungen lösten eine Welle der Begeisterung aus. Nach dem großen Erfolg des Essays „Die Pforten der Wahrnehmung“ (1954) von Aldous Huxley und den LSD Hymnen des „Drogenpapstes“ Timothy Leary, durstete es Transzendenzsuchenden nach bewusstseinserweiterndem Input und so traf die erste Publikation „Die Lehren des Don Juan: Ein Yaqui-Weg des Wissens“ (1968) ganz den Puls der Zeit.

Doch die Faszination fand nicht nur bei der „Flower-Power-Bewegung“ und New-Age-Anhängerschaft Einzug. Noch als Wissenschaftler getarnt, verschaffte ihm „Die Reise nach Ixtlan“ (1972) den Doktor-Titel. Zu Lebzeiten verkaufte der Kultautor mehr als 10 Millionen Bücher. Doch der Welle des Erfolgs folgte eine des Zweifels. Kritiker diskreditierten es als Fantasy-Klamauk und entzauberten die Lehren des Don Juans, indem sie ihre Authentizität in Frage stellten. Sind diese angeblichen Abenteuer nicht lediglich Kondensat anthropologischer Studien und der mexikanische Schamane reine Fiktion? Gründe zum Zweifel gab es viele. Um den Anthropologen breitete sich ein mythischer Nebelschleier aus, den er gekonnt zu verdichten verstand. So verbat er, dass während Interviews Fotos von ihm gemacht oder seine Stimme aufgenommen wurde. Er brach den Kontakt zu seiner Familie ab, umgab sich nur noch mit einer Entourage vertrauter Anhänger und konvertierte so vom Wissenschaftler zum sagenumwobenen Mystiker und selbsternannten Schamanen.

Der Mythos und die unkritische Romantisierung des Drogengebrauchs schürte seine Popularität und veranlasste ganze Scharen, sich auf „psychedelische Pilgerfahrt“ aufzumachen und die indigene Bevölkerung Mexikos zu bedrängen, sie mit bewusstseinserweiternden Erfahrungen zu speisen. Doch auch nach Abklingen der Hippie-Zeit traf er den spirituell-metaphysischen Nerv eines großen Publikums. Besonders den der Cyberspace-Generation und enttäuschten Nach-68ern, die in der Phantasie Castañedas ihr zu Hause fanden. Der Reiz an alternativen Weltbildentwürfen besteht weiter, was nach wie vor viele Leser verleitet in der Kosmologie Castañedas einen bewusstseinserweiternden Spaziergang zu wagen. Und das auch noch lange nach seinem Tod 1998 und dem spurlosen Verschwinden einiger seiner weiblichen Anhängerinnen.

Es wäre sicher nicht in Castañedas Sinn gewesen, Gewissheit zu erzeugen, ob die Geschichten von und mit Don Juan einer realen oder fiktiven Welt angehören. Und so verliert sich der Mythos in sich selbst, löst sich von einem linearen Konzept von Zeit und Raum und entfaltet seine volle Wirkungsmacht in einer Welt, in der die Grenzen von Phantasie und Wirklichkeit völlig aufgehoben sind. Und an diesem Ort wird die Faszination Castañeda mit Sicherheit fortbestehen.

Alisa Reimer in Mixology Magazin, Tiefenrausch März 2015

 

 

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